Ich war Weltmeisterin im Funktionieren.
Bis mein Körper beschloss, die Medaille zurückzugeben.

8:30 Uhr. Und ich war schon erledigt.
Nicht „erledigt" im Sinne von bereit. Erledigt im Sinne von leer. Zwei Kinder durchs Haus gejagt, in Klamotten gesteckt, die sie nicht anziehen wollten. Irgendwie Zähne, irgendwie Schuhe, irgendwie raus. Und genau in dem Moment, in dem ich dachte „geschafft", stand die Erzieherin in der Tür. Die Matschhose. Schon wieder vergessen. Dann ins Auto. Dann in den Tag. Wie ein gejagter Fuchs, der nebenbei noch eine Präsentation halten soll.
Außen die Maske. Innen jemand, der schreien wollte.
Ich hatte einen guten Job. Über zehn Jahre bei Avira, fast zehn bei der ZF Group, ich konnte Konzern: Texte, Termine, Tempo. Und nebenbei Kinder und Karriere unter einen Hut bringen, jeden einzelnen Tag aufs Neue.
Aus dem Meeting hetzen, mit schlechtem Gewissen. Zu spät zur Schule, mit schlechtem Gewissen. Abends der Kopf, der nicht abschaltete. Und immer dieses eine Gefühl: Egal, wie viel ich gebe, es ist nie genug. Sagen konnte ich das niemandem. Man ist ja der, der alles im Griff hat. Der Verlässliche. Der Starke.
Ich dachte, alle anderen schaffen es. Nur ich nicht.
Lange war ich überzeugt, dass alle um mich herum es irgendwie hinbekamen, und ich die Einzige war, die heimlich strauchelte. Bis ich zum ersten Mal den Mut hatte, offen über diese Überforderung zu sprechen. Und plötzlich merkte: Ich war überhaupt nicht allein.
Fast alle tragen dasselbe Gefühl mit sich, dass man alles allein schaffen muss, ohne zu klagen, ohne zu wanken. Wir halten durch, bis der Körper Nein sagt. Und dann bleibt keine Wahl mehr, als endlich hinzuhören.
Mein Körper hat es trotzdem gesagt.
Erst die Erschöpfung, die kein Schlaf mehr heilte. Dann das Herzrasen. Die Enge. Das Gefühl, mein eigenes Leben hinter einer Glasscheibe zu beobachten. Mein Nervensystem war im Dauer-Alarm, und ich hatte vergessen, wie sich Ruhe überhaupt anfühlt.
Und das Absurde: Ich verstand mich bestens.
Ich hatte die Bücher gelesen. Die Podcasts gehört. Die Seminare besucht. Ich konnte mein Verhalten erklären, analysieren, in schöne Worte fassen, beruflich war ich ja fürs Formulieren zuständig. Und fühlte mich trotzdem meilenweit von mir entfernt.
Bis ich begriff, woran das lag: Der Weg zurück führt nicht über den Kopf. Er führt über den Körper. Nicht noch mehr verstehen. Endlich wieder spüren. Über den Atem. Die Stimme. Die Bewegung. Die Sprache, die mein Nervensystem versteht. Ich wünschte, ich hätte das damals gewusst. Es hätte mir ein paar sehr lange Jahre erspart.
Was ich heute weiß und weitergebe.
Den überforderten Alltag kenne ich nicht aus Büchern. Ich kenne ihn von innen, und genau deshalb begleite ich heute die Menschen, die da stehen, wo ich einmal stand.
Menschen, die viel leisten und sich trotzdem nie genug fühlen. Die nach außen souverän wirken, während innen alles auf Anschlag läuft. Erfolgreich, verantwortungsvoll, und heimlich am Limit, ohne es sagen zu dürfen.
Im Außen konnte ich damals kaum etwas ändern. Die Kinder, der Job, die Verantwortung, das blieb. Was ich ändern konnte, war innen. Genau das ist ein Reset: Du krempelst nicht dein Leben um. Du veränderst, wie dein Körper darin steht.
Als Facilitatorin für Breathwork & Nervensystem-Regulation schaffe ich Räume, in denen du einmal nichts leisten musst. In denen dein Nervensystem das eine Signal bekommt, auf das es so lange wartet: Es ist vorbei. Du bist sicher.
Und privat?
Ich komme aus Transsilvanien, ja, dem Land der Vampire. Der einzige Biss, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere, ist der in warmes, frisch gebackenes Brot; und das Gruseligste war höchstens ein Familienfest, das kein Ende nahm. Ich war das Kind, das auf dem Tisch stand und sang, bis die Erwachsenen weinten, in einem Haus, in dem immer jemand da war und das Wohnzimmer nach Musik roch.
Mit neunzehn stieg ich in einen Bus, zwanzig D-Mark in der Tasche, ein klarer Plan im Kopf: ein Jahr Deutschland, dann zurück. Aber es heißt ja: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen. Aus dem einen Jahr wurde ein ganzes Leben.
Deutsch habe ich mir danach Wort für Wort erkämpft: zwei Seiten Regeln, sechs Seiten Ausnahmen. Eine Sprache, in der ein Mädchen sächlich ist, eine Tasche aber weiblich, und in der es zwar „die Frau" heißt, aber „die Tasche DER Frau". Als ich mich zum ersten Mal mit dem Genitiv anlegte und gewann, wusste ich: Wenn ich das hier lerne, dann schaffe ich alles. Heute spreche ich vier Sprachen fließend. Der Satz gilt bis heute.
Es gab eine Zeit, da verlor ich fast alles auf einmal, die Ehe, den vertrauten Freundeskreis, den Boden unter den Füßen. Ich dachte, ich sei begraben worden. Erst viel später verstand ich, dass ich gepflanzt worden war.
Was seither aus diesem dunklen Boden gewachsen ist, hätte ich mir damals nicht ausmalen können. Zwei Kinder, mit denen ich verbunden bin, auch jetzt, wo sie flügge werden und ihre eigenen Wege gehen. Eine Freundschaft mit meinem Ex-Mann, von der manche in ihrer Ehe träumen: An Feiertagen sitzen wir am selben Tisch, mit unseren neuen Partnern, und niemand muss die Luft anhalten. Eine große, unverhoffte Liebe in der zweiten Hälfte meines Lebens, die kam, als ich gerade gelernt hatte, auch allein ganz zu sein. Und Freundschaften, in denen ich nicht stark sein muss, um zu bleiben.
Und wenn ich ehrlich bin (und das bin ich inzwischen, meistens), ist das hier ein Leben, das ich mir nie zu planen getraut hätte. Zu laut, zu voll, zu lebendig für den vorsichtigen kleinen Plan, mit dem ich damals in den Bus stieg. Der Bodensee ist mein Zuhause geworden, und ich bin darin wieder die geworden, die ich als Kind schon war, bevor mir jemand beibrachte, leiser zu sein: eine, die singt, weil sie es kann, die weint, wenn ihr danach ist, und die keine Sekunde ihres kostbaren, chaotischen Lebens mehr damit vergeudet, sich kleiner zu machen, als sie ist. Wenn wir uns eines Tages begegnen, bring ruhig deine ganze Erschöpfung mit, und dein ganzes Zuviel. Hier musst du nichts davon verstecken.
Der Bodensee ist längst mein Zuhause. Hier arbeite ich, hier atme ich, hier komme ich an, am liebsten früh, mit einem Kaffee, bevor das Haus wach wird. Und wenn wir uns eines Tages begegnen, merkst du es schnell: Meine Arbeit nehme ich sehr ernst. Mich selbst nicht immer.