Ich war Weltmeisterin im Funktionieren.
Bis mein Körper beschloss, die Medaille zurückzugeben.

Es gab Jahre, in denen ich schon erschöpft aufwachte.
Dabei war an diesen Morgen nichts Besonderes: zwei Kinder, die ihre Klamotten nicht anziehen wollten, irgendetwas mit Zähnen, irgendetwas mit Schuhen, und an der Kindergartentür die Erzieherin mit der Frage nach der Matschhose, die ich schon wieder vergessen hatte. Ganz normale Morgen, wie sie Millionen erleben. Dann ins Auto, dann ins Meeting, das Lächeln pünktlich, das schlechte Gewissen auf dem Beifahrersitz. Um halb neun war ich leer, und der Tag hatte noch nicht einmal den Teil erreicht, für den ich bezahlt wurde.
Von außen sah das aus wie eine Frau, die alles im Griff hat. Von innen war es eine Frau, die sich selbst nur noch von weit weg zusah.
Ich hatte einen guten Job. Zwei Jahrzehnte in großen internationalen Konzernen, erst in der Software-Branche, dann in der Industrie: Ich konnte Konzern, ich konnte liefern, ich konnte in Meetings klingen, als hätte ich geschlafen. Und nebenbei brachte ich Kinder und Karriere unter einen Hut, jeden einzelnen Tag aufs Neue. Sagen konnte ich das niemandem. Ich war ja die, bei der alles zusammenlief, die Verlässliche, die man nicht fragen musste, ob sie noch kann. Und lange dachte ich, alle anderen schaffen das und nur ich nicht, bis ich zum ersten Mal den Mut hatte, offen darüber zu sprechen, und merkte, wie viele genau dasselbe mit sich herumtragen.
Mein Körper hat es trotzdem gesagt.
Zuerst kam die Erschöpfung, die kein Schlaf mehr heilte, dann das Herzrasen und die Enge im Brustkorb, und irgendwann das Gefühl, mein eigenes Leben hinter einer Glasscheibe zu beobachten. Mein Nervensystem war im Dauer-Alarm, und ich hatte vergessen, wie sich Ruhe überhaupt anfühlt.
Und das Absurde: Ich verstand mich bestens. Ich hatte die Bücher gelesen, die Podcasts gehört, die Seminare besucht. Ich konnte mein Verhalten erklären, analysieren, in schöne Worte fassen, beruflich war ich ja fürs Formulieren zuständig. Und fühlte mich trotzdem meilenweit von mir entfernt.
Bis ich begriff, woran das lag: Man kann sich nicht in Sicherheit hineindenken. Das Nervensystem hört nicht auf Argumente, es hört auf Signale, und seine Sprache sind der Atem, die Stimme, die Bewegung. Ich hatte jahrelang gelesen und verstanden und analysiert, und keiner dieser klugen Sätze brachte mich dorthin, wohin mein Körper mich am Ende an einem einzigen Nachmittag brachte. Man kann etwas hundertmal verstanden haben und es trotzdem noch tragen. Ich wünschte, das hätte mir damals jemand gesagt. Es hätte mir ein paar sehr lange Jahre erspart.
Was ich heute weiß und weitergebe.
Den überforderten Alltag kenne ich nicht aus Büchern. Ich kenne ihn von innen, und genau deshalb begleite ich heute die Menschen, die da stehen, wo ich einmal stand: Menschen, die viel leisten und sich trotzdem nie genug fühlen. Die nach außen souverän wirken, während innen alles auf Anschlag läuft.
Im Außen konnte ich damals wenig ändern: der Job, die Verantwortung, der volle Kalender, das blieb. Meine Kinder wollte ich ohnehin nie anders haben, sie waren nie das Problem. Was sich ändern konnte, war innen. Genau das ist ein Reset: Du krempelst nicht dein Leben um. Du veränderst, wie dein Körper darin steht.
Heute arbeite ich als Facilitator für Breathwork & Nervensystem-Regulation und schaffe Räume, in denen du ausnahmsweise nichts leisten musst. Ich kann deinem Kopf nicht versprechen, dass dort alles gut wird; das wäre gelogen, und dein Kopf würde es ohnehin nicht glauben. Aber ich kann einen Raum halten, in dem dein Körper selbst nachprüfen darf, ob er hier sicher ist. Viele Menschen erleben genau dabei zum ersten Mal seit Langem so etwas wie echte Ruhe.
Seit 2020 begleite ich Menschen. Angefangen hat es mit der Ausbildung zum Psychologischen Coach, weil ich zuerst selbst verstehen wollte, was mit mir passiert war, und seither kommt regelmäßig etwas dazu: Systemische Brettaufstellungen, Brain Gym, Breathwork. Das klingt nach viel Papier, und am Ende läuft alles auf dieselbe Frage hinaus: Wie kommt jemand zurück in seinen Körper, wenn der Kopf allein es nicht schafft? Beim Atmen zeigt sich manchmal mehr, als jemand erwartet hat. Dann entscheidet sich viel daran, wer daneben sitzt, und genau dafür ist der psychologische Teil meiner Ausbildung da.
Wie eine Atemreise abläuft, was dabei physiologisch passiert und für wen sie nicht geeignet ist, habe ich ausführlich aufgeschrieben: Conscious Connected Breathwork im Detail. Lies das ruhig vorher. Mir ist lieber, du weißt genau, worauf du dich einlässt, bevor du dich hinlegst.
Und privat?
Ich komme aus Transsilvanien, ja, dem Land der Vampire. Der einzige Biss, an den ich mich aus meiner Kindheit erinnere, ist der in warmes, frisch gebackenes Brot; und das Gruseligste war höchstens ein Familienfest, das kein Ende nahm. Ich war das Kind, das auf dem Tisch stand und sang, bis die Erwachsenen weinten, in einem Haus, in dem immer jemand da war und das Wohnzimmer nach Musik roch.
Mit neunzehn stieg ich in einen Bus, zwanzig D-Mark in der Tasche, ein klarer Plan im Kopf: ein Jahr Deutschland, dann zurück. Aus dem einen Jahr wurde ein ganzes Leben. Deutsch habe ich mir Wort für Wort erkämpft, zwei Seiten Regeln, sechs Seiten Ausnahmen, und als ich mich zum ersten Mal mit dem Genitiv anlegte und gewann, wusste ich: Wenn ich das hier lerne, dann schaffe ich alles. Heute spreche ich vier Sprachen fließend. Der Satz gilt bis heute.
Es gab eine Zeit, da verlor ich fast alles auf einmal, die Ehe, den vertrauten Freundeskreis, den Boden unter den Füßen. Ich dachte, ich sei begraben worden. Erst viel später verstand ich, dass ich gepflanzt worden war. Was seither aus diesem dunklen Boden gewachsen ist, hätte ich mir damals nicht ausmalen können: zwei Kinder, inzwischen Teenager, mit denen ich verbunden bin, auch wenn sie längst ihre eigenen Wege gehen. Und an Feiertagen sitzen mein Ex-Mann und ich am selben Tisch, mit unseren neuen Partnern, und niemand muss die Luft anhalten.
Der Bodensee ist mein Zuhause geworden, und ich bin hier wieder die geworden, die ich als Kind schon war, bevor mir jemand beibrachte, leiser zu sein: eine, die singt, weil sie es kann, und die weint, wenn ihr danach ist. Am liebsten bin ich früh wach, mit einem Kaffee, bevor das Haus es ist. Und falls wir uns eines Tages begegnen, bring ruhig deine ganze Erschöpfung mit und dein ganzes Zuviel; hier musst du nichts davon verstecken. Du merkst dann auch schnell: Meine Arbeit nehme ich sehr ernst. Mich selbst nicht immer.
Wenn du vor dieser Seite die kleine Atemübung gemacht hast, dann hat dein Körper eben schon angefangen, lange bevor dein Kopf entschieden hat, ob er mir glaubt. So herum funktioniert es immer: Erst spürt man es. Dann versteht man es.